Fachtagung „Kriegskinder – Kriegserfahrungen und Pflege“ » hier-luebeck - Das interaktive, älteste Online-Magazin für Lübeck und Umgebung seit 1999

Anmelden

hier-luebeck

Das interaktive, älteste Online-Magazin für Lübeck und Umgebung seit 1999

Sonntag, 15. September 2019 19:53:45 Uhr

Fachtagung „Kriegskinder – Kriegserfahrungen und Pflege“

Viele der Menschen, die jetzt pflegebedürftig sind oder werden, gehören den Jahrgängen 1929 – 1947, den sogenannten „Kriegskindern“, an, geboren und aufgewachsen in Kriegs- oder Nachkriegszeiten und konfrontiert mit oft lebensbedrohlichen Erlebnissen. Mit dem Fachtag „Kriegskinder – Kriegserfahrungen und Pflege“ am 30. Mai 2013 im Bürgerhaus Kronshagen wollte das Forum Pflegegesellschaft dazu beitragen, dass Nahestehende und Fachkräfte aus der Pflege mit besonderer Sensibilität und Sorgfalt auf die Bedürfnisse und Pflegeprobleme der Menschen eingehen, die nachhaltig von Kriegserfahrungen geprägt oder traumatisiert sind.

„Im Alltag der Pflege wird immer deutlicher, dass die Erlebnisse und Erinnerungen an die Kriegszeit sich nicht einfach ausblenden lassen“, erklärt Michael Selck, Sprecher des Forums Pflegegesellschaft und Landesgeschäftsführer der AWO Schleswig-Holstein. „Es geht um Erinnerungen an Flucht und Bombennächte, an Verlust und Vertreibung. Aber auch um das erste Lachen nach dem Krieg, das Gefühl, wieder in Sicherheit zu sein, oder die Erkenntnis, in Schleswig-Holstein eine neue Heimat gefunden zu haben. Nicht alle dieser ‚Kriegskinder‘ haben traumatisierende Erfahrungen gemacht, aber alle haben in einer Zeit gelebt, die besondere Anforderungen an das Leben und auch das Zusammenleben gestellt hat.“

Gerade im Alter, der Zeit der Rückbesinnungen, wird häufig erst das Ausmaß der Traumatisierungen durch diese Erlebnisse deutlich. Diese Erfahrung haben auch der Journalist und Theologe Curt Hondrich vom Kriegskind e.V. und der Psychoanalytiker und Altersforscher Prof. Dr. Hartmut Radebold gemacht: „Ich selbst bin einen Monat vor dem Krieg geboren und meine frühkindliche Sozialisation hat komplett im Krieg stattgefunden“, so Hondrich. „Dass meine Generation zunächst geschwiegen hat, liegt sicher auch daran, dass die Bilder vom Holocaust so dominant waren und die Schuld- und Verantwortungsfrage für das, was in dieser Zeit passiert ist, so drängend war, dass die eigenen Verletzungen keine Rolle spielten oder spielen durften.“ „Was tun mit den Kriegserinnerungen?“, wenn sie im Alter plötzlich wieder hochkommen, fragte Hondrich deshalb anlässlich des Fachtags in seinem Vortrag über Biografiearbeit in der Pflege.

Darüber, warum diese „dunklen Schatten der Vergangenheit“ viele Menschen im Alter wieder einholen, sprach Prof. Radebold in einem Vortrag zum Thema „Kindheiten und Jugendzeiten im 2. Weltkrieg – lebenslange Folgen?“ am Vorabend der Fachtagung im Flandernbunker Kiel sowie am Vormittag in seinem Beitrag über „Kriegskinder und Kriegsenkel in der Pflege“: „Das Älterwerden schwächt unsere ’seelische Betondecke‘, unter der wir diese Gefühle begraben haben, und mit dem Verlust vieler psychischer, physischer und sozialer Funktionen und dem Tod von Ehepartnern und Freunden werden alte Situationen und Gefühle des Ausgeliefertseins wieder belebt“, erklärt Radebold. „Wer aber als Kind nicht gelernt hat zu trauern, erstarrt und wird depressiv, manchmal sogar suchtkrank.“

„Alte Menschen professionell zu pflegen heißt deshalb auch, Menschen aus ihrer gelebten geschichtlichen und kulturellen Zeit zu sehen, zu verstehen und entsprechend individuell zu handeln“, sagt Dr. Hildegard Entzian vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein, das den Fachtag finanziell unterstützt. Gerade in der Altenpflege begegneten sich „Kriegskinder“ und die „Kinder der Kriegskinder“ als pflegende Angehörige, als professionelle Pflegekräfte oder Betreuungsassistenten. „Viele von ihnen sind sich ihrer eigenen (lebens-)geschichtlichen Eingebundenheit in die kollektiven und individuellen Kriegsgeschehnisse gar nicht bewusst, vieles ist verdrängt, tabuisiert oder auch mit Schuld behaftet“, so Dr. Entzian. „Doch im pflegerischen Alltag begegnen ihnen Pflegesituationen, die sie nicht allein mit Pflegewissen bewältigen können. Hier benötigen pflegende Angehörige und beruflich Pflegende ein gutes Gespür – quasi eine Antenne – um Situationen zu verstehen, sensibel zu reagieren und abzuwägen, ob und wie traumatisierende Lebenserinnerungen angesprochen werden können.“

Aus diesem Grund hat die AWO Schleswig-Holstein einen Praxisleitfaden zum Einfluss von Kriegserinnerungen auf die Pflege erstellt, der am Rande der Tagung vorgestellt wird. Er soll die Handelnden in der Pflege in die Lage versetzen, besonders sensibel und sorgfältig auf die Pflegeprobleme und Bedürfnisse kriegsbedingt traumatisierter und geprägter Menschen einzugehen und gleichzeitig die eigenen biografischen Erfahrungen im Blick zu behalten. Zugleich soll der Leitfaden dazu beitragen, die Grenzen pflegerischen Handels zu erkennen und die notwendige Unterstützung von außen einzubeziehen.

In weiteren Vorträgen des Fachtages setzt sich Dr. med. Helga Spranger, Psychotherapeutin aus Kiel mit dem Schwerpunkt Spätfolgen nach Kriegstraumatisierungen und Vorsitzende von Kriegskind.de, mit „Kriegsversehrten Seelen in der Pflege“ auseinander. Nach Ihrer Erfahrung gibt es immer noch einen „Schleier über den Erinnerungen und Bildern kriegstraumatisierter Menschen, gewebt aus politischer Vergangenheit sowie bewussten und unbewussten schuldhaften intrapsychischen Konflikten.“ Prof. Dr. Dr. Rolf D. Hirsch, Gerontopsychiater und Psychotherapeut aus Bonn, spricht über „Die geprügelte Generation: Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen“. In seinem Referat wird es auch um die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen Kriegserfahrungen und –traumatisierungen und dem Thema „Gewalt in Pflege“ gehen. Er weist darauf hin, dass Kindesmisshandlungen in der Menschheitsgeschichte schon immer ein erschreckendes und meist geduldetes Phänomen gewesen sind.

Im Tagungsraum gibt es darüber hinaus eine Ausstellung mit Erinnerungskisten zu sehen. Das Zeitzeugenprojekt Mahnmal Kilian, die AG Erinnerungsarbeit der AWO Schleswig-Holstein, der Verein Kriegskind und die Frauenberatung und Fachstelle bei sexueller Gewalt stellen ihre Arbeit vor.

Die Veranstaltungen werden finanziell unterstützt durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein, des SoVD – Landesverband Schleswig-Holstein, des Norddeutschen Zentrums zur Weiterentwicklung der Pflege und des PflegeNotTelefon Schleswig-Holstein.

 

Luebecker Dienstleistungskontor am 3. Juni 2013, 07:00 Uhr

Bible verse of the day

Denn jedes Haus wird von jemandem erbaut; der aber alles erbaut hat, das ist Gott.
 

Kalender

September 2019
S M D M D F S
« Aug    
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930  

Stichwörter

Kategorien

Archive

RSS RSS-Feed

  • Motorradunfall auf A24 mit einer verletzten Person
    Bei einem Motorradunfall auf der A24 ist am Samstag bei Reinbek (Kreis Stormarn) ein Mensch verletzt worden. An dem Unfall auf der Richtungsfahrbahn Hamburg sei kein weiteres Fahrzeug beteiligt gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Nach Informationen der "Hamburger Morgenpost" verlor ein 14-jähriges M
  • FC Türkiye gegen FC Voran Ohe: Wilhelmsburg zum dritten Mal in Folge unbesiegt
    Der FCV kehrte vom Auswärtsspiel gegen Wilhelmsburg mit leeren Händen zurück. Am Ende hieß es 0:3. Im Vorfeld war man sich einig, dass der Sieger nur FC Türkiye heißen konnte. Der Verlauf der 90 Minuten bestätigte schließlich diesen Eindruck. Anmerkung: Dieser Text wurde nicht von einem Menschen ges
  • Drei Verletzte nach Brand in Lübecker Grill-Imbiss
    Bei einem Brand in einem Lübecker Imbiss sind am Sonntag drei Menschen leicht verletzt worden. Sie hätten Rauchvergiftungen erlitten, sagte ein Polizeisprecher. Das Feuer brach den Angaben zufolge an einem Holzkohlegrill aus. Für die Löscharbeiten habe die viel befahrene Fackenburger Allee längere Z
  • Pauli-Trainer: Im Derby nicht den Kopf vernachlässigen
    Trainer Jos Luhukay vom FC St. Pauli warnt seine Spieler vor dem Zweitliga-Derby am Montag (20.30 Uhr/Sky) gegen den Hamburger SV davor, sich von der Stimmung allzu sehr anstecken zu lassen. "Ich spüre eine gesunde Anspannung in der Mannschaft. Wir müssen ausstrahlen, dass es ein Derby ist, dürfen d
  • Hamburgs Stadtteilschuldirektoren warnen vor Campusschule
    Die geplante Einführung von sogenannten Campusschulen in Hamburg stößt bei den Direktoren der Stadtteilschulen auf Kritik. "Die dort vorgesehene Trennung der SchülerInnen nach der 6. Klasse entspricht nicht dem Selbstverständnis einer integrierten Stadtteilschule", erklärte die Vereinigung der Schul
  • Auto brennt auf A10 aus: Bergung wegen Baustelle schwierig
    Auf der Autobahn 10 ist in der Nacht zum Sonntag an der Anschlussstelle Oberkrämer (Kreis Oberhavel) ein Auto vollständig ausgebrannt. Verletzt wurde nach Polizeiangaben niemand. Der polnische Fahrer des PKW konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Ursache war ersten Ermittlungen nach ein tech
  • Mann geht wegen Schwindels zur Polizei und landet im Knast
    Ein Mann hat wegen Schwindels und Kopfschmerzen das Bundespolizeirevier Hamburg-Altona aufgesucht und ist dann dort festgenommen worden. Die Beamten hatten am Samstagmorgen zunächst einen Amtsarzt gerufen, wie ein Bundespolizeisprecher sagte. Bei der Überprüfung der Personalien sei dann aufgefallen,
  • Feuer in Mülltonne greift auf Wohnhaus in Kleinmachnow über
    Ein Feuer in einer Mülltonne hat am Samstag in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) auf ein nahestehendes Wohnhaus übergegriffen. Bei dem Brand wurden nach Angaben der Feuerwehr Gewerberäume im Erdgeschoss und die Wohnräume im Dachgeschoss in Mitleidenschaft gezogen. Verletzt wurde niemand, da sich zum
  • Diebe klauen mehr als 40 Auto- und Motorradbatterien
    Zwei Männer stehen im Verdacht, in Hamburg-Neubruch mehr als 40 Auto- und Motorradbatterien gestohlen zu haben. Zeugen hatten in der Nacht auf Samstag beobachtet, wie zwei Männer in der Nähe eines Autohandels Gegenstände in ein Fahrzeug luden, wie ein Polizeisprecher am Sonntag mitteilte. Die alarmi
  • Coach Hecking: Drei Kandidaten für vakanten Posten in Abwehr
    Trainer Dieter Hecking vom Fußball-Zweitligisten Hamburger SV hat offen gelassen, wen er im Hamburger Stadtderby beim FC St. Pauli (Montag, 20.30 Uhr) als Ersatz für den verletzten Rechtsverteidiger Jan Gyamerah aufbieten wird. In Khaled Narey, Jeremy Dudziak und Josha Vagnoman hat er drei Akteure,

Polls

Wird sich Frau Dr. Merkel noch bis zum Ende der Legislaturperiode als Kanzlerin halten?

Ergebnisse

Loading ... Loading ...

RSS-Feed

RSS-Feed abonnieren

Öffnen Sie eine Kategorie, für Kategorie RSS-Feeds