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Freitag, 20. Oktober 2017 19:56:54 Uhr

Fachtagung „Kriegskinder – Kriegserfahrungen und Pflege“

Viele der Menschen, die jetzt pflegebedürftig sind oder werden, gehören den Jahrgängen 1929 – 1947, den sogenannten „Kriegskindern“, an, geboren und aufgewachsen in Kriegs- oder Nachkriegszeiten und konfrontiert mit oft lebensbedrohlichen Erlebnissen. Mit dem Fachtag „Kriegskinder – Kriegserfahrungen und Pflege“ am 30. Mai 2013 im Bürgerhaus Kronshagen wollte das Forum Pflegegesellschaft dazu beitragen, dass Nahestehende und Fachkräfte aus der Pflege mit besonderer Sensibilität und Sorgfalt auf die Bedürfnisse und Pflegeprobleme der Menschen eingehen, die nachhaltig von Kriegserfahrungen geprägt oder traumatisiert sind.

„Im Alltag der Pflege wird immer deutlicher, dass die Erlebnisse und Erinnerungen an die Kriegszeit sich nicht einfach ausblenden lassen“, erklärt Michael Selck, Sprecher des Forums Pflegegesellschaft und Landesgeschäftsführer der AWO Schleswig-Holstein. „Es geht um Erinnerungen an Flucht und Bombennächte, an Verlust und Vertreibung. Aber auch um das erste Lachen nach dem Krieg, das Gefühl, wieder in Sicherheit zu sein, oder die Erkenntnis, in Schleswig-Holstein eine neue Heimat gefunden zu haben. Nicht alle dieser ‚Kriegskinder‘ haben traumatisierende Erfahrungen gemacht, aber alle haben in einer Zeit gelebt, die besondere Anforderungen an das Leben und auch das Zusammenleben gestellt hat.“

Gerade im Alter, der Zeit der Rückbesinnungen, wird häufig erst das Ausmaß der Traumatisierungen durch diese Erlebnisse deutlich. Diese Erfahrung haben auch der Journalist und Theologe Curt Hondrich vom Kriegskind e.V. und der Psychoanalytiker und Altersforscher Prof. Dr. Hartmut Radebold gemacht: „Ich selbst bin einen Monat vor dem Krieg geboren und meine frühkindliche Sozialisation hat komplett im Krieg stattgefunden“, so Hondrich. „Dass meine Generation zunächst geschwiegen hat, liegt sicher auch daran, dass die Bilder vom Holocaust so dominant waren und die Schuld- und Verantwortungsfrage für das, was in dieser Zeit passiert ist, so drängend war, dass die eigenen Verletzungen keine Rolle spielten oder spielen durften.“ „Was tun mit den Kriegserinnerungen?“, wenn sie im Alter plötzlich wieder hochkommen, fragte Hondrich deshalb anlässlich des Fachtags in seinem Vortrag über Biografiearbeit in der Pflege.

Darüber, warum diese „dunklen Schatten der Vergangenheit“ viele Menschen im Alter wieder einholen, sprach Prof. Radebold in einem Vortrag zum Thema „Kindheiten und Jugendzeiten im 2. Weltkrieg – lebenslange Folgen?“ am Vorabend der Fachtagung im Flandernbunker Kiel sowie am Vormittag in seinem Beitrag über „Kriegskinder und Kriegsenkel in der Pflege“: „Das Älterwerden schwächt unsere ’seelische Betondecke‘, unter der wir diese Gefühle begraben haben, und mit dem Verlust vieler psychischer, physischer und sozialer Funktionen und dem Tod von Ehepartnern und Freunden werden alte Situationen und Gefühle des Ausgeliefertseins wieder belebt“, erklärt Radebold. „Wer aber als Kind nicht gelernt hat zu trauern, erstarrt und wird depressiv, manchmal sogar suchtkrank.“

„Alte Menschen professionell zu pflegen heißt deshalb auch, Menschen aus ihrer gelebten geschichtlichen und kulturellen Zeit zu sehen, zu verstehen und entsprechend individuell zu handeln“, sagt Dr. Hildegard Entzian vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein, das den Fachtag finanziell unterstützt. Gerade in der Altenpflege begegneten sich „Kriegskinder“ und die „Kinder der Kriegskinder“ als pflegende Angehörige, als professionelle Pflegekräfte oder Betreuungsassistenten. „Viele von ihnen sind sich ihrer eigenen (lebens-)geschichtlichen Eingebundenheit in die kollektiven und individuellen Kriegsgeschehnisse gar nicht bewusst, vieles ist verdrängt, tabuisiert oder auch mit Schuld behaftet“, so Dr. Entzian. „Doch im pflegerischen Alltag begegnen ihnen Pflegesituationen, die sie nicht allein mit Pflegewissen bewältigen können. Hier benötigen pflegende Angehörige und beruflich Pflegende ein gutes Gespür – quasi eine Antenne – um Situationen zu verstehen, sensibel zu reagieren und abzuwägen, ob und wie traumatisierende Lebenserinnerungen angesprochen werden können.“

Aus diesem Grund hat die AWO Schleswig-Holstein einen Praxisleitfaden zum Einfluss von Kriegserinnerungen auf die Pflege erstellt, der am Rande der Tagung vorgestellt wird. Er soll die Handelnden in der Pflege in die Lage versetzen, besonders sensibel und sorgfältig auf die Pflegeprobleme und Bedürfnisse kriegsbedingt traumatisierter und geprägter Menschen einzugehen und gleichzeitig die eigenen biografischen Erfahrungen im Blick zu behalten. Zugleich soll der Leitfaden dazu beitragen, die Grenzen pflegerischen Handels zu erkennen und die notwendige Unterstützung von außen einzubeziehen.

In weiteren Vorträgen des Fachtages setzt sich Dr. med. Helga Spranger, Psychotherapeutin aus Kiel mit dem Schwerpunkt Spätfolgen nach Kriegstraumatisierungen und Vorsitzende von Kriegskind.de, mit „Kriegsversehrten Seelen in der Pflege“ auseinander. Nach Ihrer Erfahrung gibt es immer noch einen „Schleier über den Erinnerungen und Bildern kriegstraumatisierter Menschen, gewebt aus politischer Vergangenheit sowie bewussten und unbewussten schuldhaften intrapsychischen Konflikten.“ Prof. Dr. Dr. Rolf D. Hirsch, Gerontopsychiater und Psychotherapeut aus Bonn, spricht über „Die geprügelte Generation: Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen“. In seinem Referat wird es auch um die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen Kriegserfahrungen und –traumatisierungen und dem Thema „Gewalt in Pflege“ gehen. Er weist darauf hin, dass Kindesmisshandlungen in der Menschheitsgeschichte schon immer ein erschreckendes und meist geduldetes Phänomen gewesen sind.

Im Tagungsraum gibt es darüber hinaus eine Ausstellung mit Erinnerungskisten zu sehen. Das Zeitzeugenprojekt Mahnmal Kilian, die AG Erinnerungsarbeit der AWO Schleswig-Holstein, der Verein Kriegskind und die Frauenberatung und Fachstelle bei sexueller Gewalt stellen ihre Arbeit vor.

Die Veranstaltungen werden finanziell unterstützt durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein, des SoVD – Landesverband Schleswig-Holstein, des Norddeutschen Zentrums zur Weiterentwicklung der Pflege und des PflegeNotTelefon Schleswig-Holstein.

 

Luebecker Dienstleistungskontor am 3. Juni 2013, 07:00 Uhr

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Sorgt euch nicht um das Leben, was ihr essen sollt, auch nicht um den Leib, was ihr anziehen sollt. Denn das Leben ist mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung.
 

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