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Montag, 16. Dezember 2019 01:38:22 Uhr

Zu Gast im Dritten Reich 1936. Rhapsodie

buch-olavi-paavolainenZu Gast im Dritten Reich 1936. Rhapsodie – Aus dem Finnischen von Rolf Klemmt. Mit einer Einführung von Anssi Halmesvirta. Autor: Paavolainen, Olavi ; Klemmt, Rolf ; Halmesvirta, Anssi –„Auge in Auge mit den Visagen des Dritten Reiches!“ Das brisanteste politische Spektakel des vergangenen Jahrhunderts waren die Nationalsozialistischen Parteitage Hitler-Deutschlands in Nürnberg. Die Schilderungen der Situation im Deutschland der Dreißigerjahre des finnischen Schriftstellers und Modernismuskritikers Olavi Paavolainen (1903-1964) liegen nun erstmals in deutscher Übersetzung vor – genau 80 Jahre nach deren Veröffentlichung in Finnland. Insbesondere weil sie einerseits von Bewunderung verklärt, andererseits aber mit tiefen Zweifeln behaftet sind, sind Paavolainens Beobachtungen höchstinteressant.

Auf Einladung der Reichsschrifttumskammer reiste Paavolainen 1936 nach Travemünde in das „Deutsch-Nordische Schriftstellerhaus“ und besuchte zusammen mit anderen skandinavischen Schriftstellern die Nationalsozialistischen Parteitage in Nürnberg. Seine Reportage Kolmannen valtakunnan vieraana [Zu Gast im Dritten Reich] bezeichnete er selbst als Rhapsodie, denn es handelte sich um eine subjektive, erlebnishafte Schilderung mit Quellenmaterial aus örtlichen Veröffentlichungen, Zeitungen und Reden. Das Buch wurde in Finnland sofort zu einem umstrittenen Bestseller. Es unterschied sich von anderen Darstellungen des Nationalsozialismus darin, dass es nicht sonderlich deutschfreundlich, aber auch keineswegs deutschfeindlich war. Paavolainens Erfahrungen waren zwiespältig: anfängliche Begeisterung wandelte sich zu exakten Beobachtungen, die die verdeckten Gefahren der nazistischen Macht erkannten. Er ahnte manches, konnte die Konsequenzen aber nicht klar absehen. Paavolainen beobachtete und übermittelte seine Eindrücke und Erlebnisse kritisch, indem er die Züge des verweltlichten Glaubens und den ästhetischen, die Augen erfreuenden und erstaunlichen Show-Charakter des Spektakels scharf abzeichnete. Seine Rhapsodie birgt eine ungewöhnliche Interpretation der unheilverkündenden Ereignisse in der widersprüchlichen Historie Deutschlands oder mit den Worten Paavolainens‚ des vielleicht größten Wendepunktes in der Geschichte Europas‘. Eine Reihe satirischer Passagen verwehrte Paavolainen später den weiteren Zugang ins Deutsche Reich.
Olavi Paavolainen wurde 1903 in Kivennapa, 60 km von Petersburg entfernt geboren. Er studierte ab 1921 die Ästhetik und Literatur an der Universität Helsinki. Mit der Zeit wuchs sein Interesse an den neuen europäischen Strömungen und Machtfaktoren deutlich. Deutschland und die Sowjetunion, deren Ideen einer völlig neuartigen, antibürgerlichen Gesellschaft ihn anzogen, waren Mittelpunkt dieses Interesses. Wie es sein Biograf Riikonen festhält: Paavolainen prüfte alles, was sich in der Zeit bewegte und ereignete derartig intensiv, dass er an Schlaflosigkeit litt. Zugleich brachte er seine Landsleute dazu, die Ereignisse und ideologischen Gegensätze in der Welt kritischer zu sehen.
Paavolainen, Olavi

Paavolainen, Olavi

Olavi Paavolainen (1903-1964) wurde 1903 im karelischen Kivennapa unweit von St. Petersburg geboren. Als sein Vater Abgeordneter wurde, zog die Familie 1921 nach Helsinki und Olavi nahm sein Studium der Ästhetik und Literatur auf. Zusammen mit anderen, vom Modernismus durchdrungenen Dichtern gründete er die stark kulturkritische Gruppe Tulenkantajat [Die Fackelträger] 1924-25, die nach Meinungsverschiedenheiten jedoch bald zerfiel. Anfang der Dreißigerjahre zog sich Paavolainen in seine eigentliche Heimat Karelien zurück und schrieb sein erstes größeres Werk Suursiivous eli kirjallisessa lastenkamarissa [Großreinigung oder in der literarischen Kinderstube] 1932, das eine zwiespältige Sensation darstellte.

Aber es wurde ihm zu eng in Finnland, er interessierte sich für die neuen politischen Strömungen und Machtverhältnisse in Europa, vor allem für die antibürgerlichen Ideen im nazistischen Deutschland und in der Sowjetunion. 1936 eröffnete sich ihm die Möglichkeit, auf Einladung der Reichsschrifttumskammer, Deutschland zu besuchen. Höhepunkt seines Aufenthalts waren die Erfahrungen auf den Nürnberger Parteitagen. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er noch im gleichen Jahr zur Weihnachtszeit seine Reportage Kolmannen valtakunnan vieraana [Zu Gast im Dritten Reich]. Wie H.K. Riikonen 2014 in seiner Paavolainen-Biographie Nukuin vasta aamuyöllä [Ich schlief erst im Morgengrauen] festhält, war er dabei höchst begeistert. Es war keine wissenschaftliche Untersuchung zum Nationalsozialismus, vielmehr eine subjektive Beschreibung seiner Erlebnisse und Eindrücke bei den Kultveranstaltungen des Parteikongresses. Paavolainen war weder sonderlich deutschfreundlich noch deutschfeindlich. Es wollte den Lesern lediglich das deutsche „Welterlebnis“ übermitteln. Da das Buch auch eine Reihe satirischer Passagen enthält, war Paavolainen ein weiterer Zugang ins Deutsche Reich versperrt.

Paavolainens Werk ist in der europäischen Reiseliteratur das seltene Beispiel eines Augenzeugen zu den Machtverhältnissen in Nazi-Deutschland. Sensationell dabei ist die kommunikative Visualität, die sogenannte ‚Politik des Auges‘: Inmitten Tausender anderer ausländischer Gäste beobachtete, sah und hörte er und vermittelte diese Eindrücke kritisch. Er beschrieb das Spektakel eines verweltlichten Glaubens in seiner ästhetisch verblüffenden und begeisternden Show mit optischer Schärfe.

In dem Buch Risti ja hakaristi [Kreuz und Hakenkreuz] beschäftigt sich Paavolainen 1938 nochmals mit dem Nationalsozialismus, bevor seine Heimatprovinz Karelien schließlich an die Sowjetunion fällt. Seine Aufzeichnungen zu den eigenen Kriegserfahrungen stellt er dann 1946 in dem Werk Synkkä yksinpuhelu [Finsteres Selbstgespräch] zusammen.

Paavolainen war zu seiner Zeit eine umstrittene Persönlichkeit. Vor allem konservative Kreise lehnten seine schonungslose Offenheit und Ehrlichkeit ab. Andere mochten seinen dandyhaften Habitus nicht: Er kleidete sich extravagant und liebte schicke und schnelle Autos. Im Nachkriegs-Finnland fand er sich zunächst kaum zurecht, mit Hilfe der Direktorin des Finnischen Rundfunks, der Brecht-Freundin Hella Wuolijoki, wurde er 1947 Chefredakteur der Radiozeitung und später Leiter der Theaterabteilung des Rundfunks; diese Stellung bekleidete er bis zu seinem Tode. Er starb 1964 an einer durch Alkoholismus verursachten Leberzirrhose.

Produktart: Buch
Seiten: 272
Sprache: deutsch
Auflage: 1 Erstausgabe
Verlag: acabus Verlag
Herausgeber: Klemmt, Rolf; Halmesvirta, Anssi
ISBN: 9783862824243
Einband: gebunden
EUR 24,90

TBF am 28. September 2016, 15:09 Uhr

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Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!
 

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